Krimi


Totes Wasser Robi Wyss

Wie eine tropische Lagune
Schon lange hatte mich der grosse Baggersee im abgelegenen Waldstück, nahe der Flussgabelung, in seinen Bann gezogen.

Mysteriöse Begebenheit
Bei Sonnenuntergang schimmerte das Wasser fast smaragdblau mit einem leicht grünlichen Stich, gerade so, wie eine Lagune in der Karibik. Es ist sonst üblich, dass solche Baggerseen eher verschlammtes, - oder mit Algen gesättigtes, trübes Wasser aufweisen. Das Kieswerk wurde schon vor vielen Jahren still gelegt und rund um das Gewässer hatte sich ein Urwald von wildem Pflanzenbewuchs und Buschwerk angesiedelt. Die Uferböschung zum Wasserspiegel war rund herum etwa acht Meter hoch und so steil, dass es unmöglich war, zum See zu gelangen. Der mit seiner Länge von nahezu 250 Meter und einer Breite von etwa 80 Meter, doch beachtliche See war mit einem hohen Stacheldrahtzaun gegen Zutritt fremder Personen gesichert. Alle 20 Meter war ein Schild angebracht mit der Aufschrift: Privatgrund KWB Beesingen, Zutritt verboten! Das Gelände wird überwacht.

Überrascht
Es war doch jammerschade, dass so ein schönes Gewässer, der Öffentlichkeit nicht zur Verfügung stand. Mann könnte einen Teil der Böschung abtragen und ausebnen, damit wäre die Möglichkeit geschaffen einen Badebetrieb für Wasserratten und Sportler zu öffnen. Auf der Westseite führte ein schmaler Waldweg zum gesicherten Gelände. Hier wurde der Zaun von einem massiven Stahltor unterbrochen. Im Innern war der einzige Zugang zum See sichtbar. Eine breite Stahlleiter führte über die steile Böschung zum Wasserspiegel und verlor sich in der Tiefe des Sees. Ich nahm mir vor, die Gegend intensiver zu erforschen und kletterte deswegen auf einen nahestehenden Baum, um besser über den Zaun blicken zu können. Plötzlich erstarrte ich fast vor Schreck. Ein wildes Hundegebell durchbrach die Stille des Waldes. Am Baumstamm meines Spähpostens hatte sich ein grosser, Zähne - fletschender Schäferhund aufgerichtet und gab alles was an Drohgebärden möglich war, von sich. Mir wurde bewusst, dass ich mich in einer äusserst misslichen Situation befand und war sichtlich erleichtert, als sich der Hundeführer im Laufschritt durch die Büsche schlug und mit scharfem Zuruf, den Hund zur Ruhe dressierte.
Was haben sie hier zu suchen, kommen sie sofort herunter! So schrie mich der Mann mit rauer Stimme an. Vorsichtig kletterte ich zurück zum Boden, immer den Blick auf den knurrenden Wachhund gerichtet. Ich versuchte dem Wachmann klar zu machen, dass ich lediglich die Schönheit des Sees bewundern wollte. Der mit einem feldgrauen Overall gekleidete Mann trug einen Gürtel umgeschnallt, an dessen Halterungen eine Stablampe, ein Messer, Handschellen und sogar eine Schusswaffe angebracht waren. Ich entschuldigte mich flüchtig bei ihm für mein Verhalten und machte mich ohne weitere Diskussion aus dem Staub.
Ich war beruhigt, wieder am Strassenrand bei meinen parkierten Wagen zu stehen und verliess schnellstens die Gegend.

Wachsende Neugier
Warum zum Teufel wurde der See dermassen vor öffentlichem Zutritt gesichert? Ich ging der Sache nach und erkundigte mich bei der örtlichen Verwaltung. Zuerst wollte man mir gar keine Auskunft erteilen, doch nach meinem unermüdlichen Fragen, teilte man mir mit, dass das Grundstück der Firma Kies & Beton – Werks AG gehöre und schon vorgängig das Interesse bei anderen geweckt habe. Es sei jedoch noch niemandem gelungen, den Eigner zur Öffnung des Sees zu bewegen.
Nun wurde meine Neugier erst recht gross und ich wollte mehr über den See wissen.
Ich machte mich erneut zu dem Gewässer hin, doch diesmal mit einem Feldstecher ausgerüstet. So konnte ich mir einen entfernteren Spähposten aussuchen. Ich kämpfte mich durch fast undurchdringliches Dickicht und erklomm erneut einen stämmigen Baum.

Besorgniserregende Entdeckung
Rund um den See war nichts merkwürdiges zu erkennen, doch was mich erstaunte, war das ruhige Wasser. So weit ich den Wasserspiegel absuchte, war keinerlei Leben zu entdecken. Im See lebten weder Wasservögel, noch Fische und auch keine Wasserpflanzen und Insekten. Dazu gab es für mich nur eine einzige Erklärung. Das so wunderbar blaue Wasser musste irgend wie verseucht sein.
Ich besorgte mir von einem Kollegen, welcher ein passionierter Angler war, seine längste Angelrute. An die dünne Nylonschnur befestigte ich eine kleine leere PET – Flasche, welche ich zuvor mit einigen Kieselsteinen beschwerte. Es war bereits fast dunkel und ich schlich mich auf dem schmalen Waldweg zum Eisentor. Mit einem gezielten Auswurf schleuderte ich die PET – Flasche weit in den See hinaus. Nach einer Weile zog ich die Schnur wieder ein und es gelang mir, die erste Wasserprobe sicher über den Zaun zu hieven. Sorgfältig füllte ich den Inhalt in den mitgebrachten Kanister und wiederholte den Vorgang weitere male. Plötzlich vernahm ich ein mir schon bestens bekanntes Geräusch, das nahende Gebell des Schäferhundes. Eiligst schob ich die Teleskoprute zusammen, ergriff den Kanister und hetzte mit riesigen Schritten, einem Hürdenläufer gleichend über den Waldweg. mit einem Satz sprang ich in den Wagen, zog Rute und Kanister hinter mir nach auf den Beifahrersitz, knallte die Türe zu und schön kläffte der Schäferhund wie wild an die Fensterscheibe. Seine Augen funkelten gefährlich und der Hauch seines Atem liess die Glasscheibe beschlagen. Ohne Rücksicht auf den Köter startete ich den Motor, drückte das Gaspedal durch und mit quietschenden Reifen durchbrach ich das Dunkel der Nacht. Im Rückspiegel sah ich gerade noch das Aufblitzen der Stablampe des Wächters, als ich mit meinem Fahrzeug in Sicherheit entweichen konnte.

Bestätigter Verdacht
Am folgenden Tag brachte ich den Kanister zum Labor des Bundesamtes für Umwelt zur Untersuchung. Mein Verdacht hatte sich bestätigt. das Labor stellte übermässig hohe Konzentrationen verschiedenster Schadstoffe wie: Quecksilber, Schwefelsäure und viele weitere chemische Stoffe fest. Somit war klar dass in diesem Fall die Polizei eingeschaltet werden musste. Die Schadstoffbelastung war derart hoch, dass eine Untersuchung des Sees durch Polizeitaucher unmöglich war, deshalb wurde eine Sondereinheit mit Tauchroboter, Unterwasserkameras und entsprechendem Bergungswerkzeug aufgeboten.
Bevor sich die Polizei am See zu Schaffen machte, wurde die Gegend abgeriegelt. Der Wächter mit dem Hund war wieder auf Patroullie und konnte von den Polizeigrenadieren nach kurzem Handgemenge überwältigt und abgeführt werden.

Bedrohliche Entdeckung
Langsam sank der Roboter in die Tiefe. 5 Meter, 10 Meter, 15 Meter und plötzlich tauchten auf dem Bildschirm schemenhafte Gebilde auf. Der Roboter glitt behutsam über ein riesiges Feld von, mit Sediment überstreuten Fässern hinweg. Aus einigen der Behälter rieselten kleine Blasen zur Wasseroberfläche. Weiter war nichts zu entdecken. Mit dem gelenkigen Arm des Gerätes wurde eine Spannvorrichtung um ein Fass gelegt. Das Behältnis wurde anschliessend mit einem Kran zur Oberfläche gehievt. Zwei, mit Schutzanzügen bekleidete Beamte öffneten vorsichtig die Tonne. Darin kam eine zähe, schwarzbraune Flüssigkeit zum Vorschein. Einige zu nahe stehende Polizisten begannen zu Husten und flohen mit tränenden Augen aus dem Gefahrenbereich. Sofort wurde das Fass wieder verschlossen. Allmählich verflüchtigte sich der ätzende Schwefeldampf. Nach vier Stunden Verhör hatte die Kripo den Wärter weichgeklopft und er packte bereitwillig alle Wichtigkeiten aus. Schleunigst fuhren einige Beamte zur Prunkvilla des Seebesitzers, doch die Polizisten standen vor verschlossenen Türen und so wie es aussah, suchten die Bewohner eiligst das Weite. Eine Fahndung wurde an sämtliche Polizeidienststellen und Flughäfen eingeleitet. Nochmals nahm man sich den Wärter vor bis dieser auch das letzte Geheimnis Preis gab. Leider konnte der Wachmann vor seiner Verhaftung noch rechtzeitig seinen Arbeitgeber warnen.

Der Fluchtversuch
Der zweistrahlige Privatjet rollte gerade auf die Startbahn des Kleinflughafens und bekam vom Tower den Bescheid zum Start, als der Polizeihubschrauber in 50 Meter Entfernung auf die Piste aufsetzte und die Startbahn blockierte. Die Treppentüre des Jets sprang auf und senkte die Stiege zu Boden. Vier Personen flüchteten aus dem Flieger in Richtung des nahe liegenden Waldes, doch schon brausten zwei Mannschaftsfahrzeuge der Polizei heran. Deren Besatzung zwangen die Ausreisser zu Boden und verhafteten sie.

Die üblen Tatsachen
Sechs Wochen lang waren Bergungsmannschaften an der Arbeit, um alle auf Grund liegenden Fässer und Behälter zu bergen. Diese mussten in eine spezielle Deponie gebracht werden, wo deren Inhalt fachgerecht entsorgt wurde. Mit dem Einsatz wurde eines der grössten Umweltverbrechen der Nachkriegszeit aufgedeckt. Insgesamt wurden 45 Personen verhaftet und verurteilt. Die Täter hatten für Schwarzgeld Tonnenweise hochgiftige Industrieabfälle illegal im See versenkt.
Der See ist leider bis heute noch für die Öffentlichkeit nicht zugänglich, da das Wasser und der Seegrund immer noch zu stark mit Schadstoffen belastet ist.