Krimi
Der Raub der Opfergaben
Schon seit sechs Tagen lag die weisse Jacht am selben Ort in der kleinen einsamen Bucht vor Anker.
Bisher hatte ich keine Menschen an Bord ausmachen können, doch am Spinacker hingen zwei Neoprenanzüge zum trocknen. Also mussten Taucher auf dem Schiff sein. Die nahe gelegene Felswand endete in 18 m Tiefe in sandigem Grund und war zum Tauchen nicht gerade eine Augenweide, doch etwa 200 m westlich galt das Tauchgebiet als eines der besten vor Zyperns Küste. Hier ankerten in der Antike die Handelschiffe aus der Türkei, Italien und Griechenland, um Trinkwasser und
Proviant von der Insel auf die Schiffe zu bringen, damit sie für die Weiterfahrt
nach Ägypten gerüstet waren. Als Dank für die gute Überfahrt nach Zypern,
opferten die Seeleute den Meeresgöttern jeweils eine, mit Wein gefüllte Amphore,
welche bei der Anfahrt zum Ankerplatz dem Meer übergeben wurde. Dies zur
Freude der heutigen Tauchsportler, welche nun die zu Hunderten auf dem Meeresgrund liegenden, wertvollen antiken Gefässe betrachten dürfen. Das Berühren oder gar Bergen ist strengstens verboten.
Mysteriöse Entdeckung
Ich tauchte mit zwei Tauchgästen über den üppig, mit Meerespflanzen bewachsenen Grund und genossen die gute Sicht. Plötzlich fiel mir eine Lücke im Riff auf. Hier wurde der Bewuchs geschädigt. Eventuell mit einem Anker; oder wurde hier gar eine Amphore aus dem Meeresboden gezogen? Mein Verdacht bestätigte sich, denn unweit der Stelle entdeckte ich sechs weitere, ähnliche Vertiefungen im Riff.
Wir waren wieder an Bord unseres Zodiacs und sofort suchte ich den Meeresspiegel nach Luftblasen ab, doch ohne Erfolg. Auf der Basis erzählte ich meinem Partner Sotiris von den Entdeckungen. Wir beschlossen bei Dämmerung nochmals zum Amphorenspot zu fahren um einen Erkundungstauchgang zu machen.
Die Attacke
Das Schlauchboot machten wir im Schutz der Felswand fest und glitten geräuschlos ins Meer. Noch brauchten wir keine Lampen und begannen den Meeresboden systematisch abzusuchen. Plötzlich vernahmen wir ein sirrendes Geräusch und kurz darauf ein dumpfes Klopfen. Ein Lichtschein verriet uns die Stelle von dieser her die Laute zu vernehmen waren und wir tauchten vorsichtig in diese Richtung. Nun sahen wir, dass hier zwei Amphorendiebe am Werk waren, die gerade mit einem Brecheisen ein Tongefäss aus dem Riff stemmten. Instinktiv beschleunigten wir unseren Flossenschlag und wollten die Banditen stellen, doch sie bemerkten unser Kommen und liessen von ihrer Arbeit ab. Der Eine zog sein Tauchermesser und ging auf Sotiris los, während der Andere wendete und mit dem, auf einem Fels geparkten Scooter, mit dem sie wohl das Diebesgut transportieren wollten, unter Vollgas auf mich zu brauste. Ich konnte gerade noch abtauchen, um nicht mit der Spitze des Gefährts gerammt zu werden. Im selben Augenblick erhielt mein Partner einen Messerstich in die Schulter und sank mit schmerzverzerrtem Gesicht zu Boden. Den beiden Gaunern gelang die Flucht mit dem Scooter. Eine Verfolgung wäre zwecklos gewesen und ausserdem musste ich mich um meinen verletzten Kumpel kümmern.
Ich hatte gerade Sotiris ins Zodiac geholfen, als die weisse Jacht, welche mir in der Bucht aufgefallen war, im Dunkel der einbrechenden Nacht, Kurs aufs offene Meer nahm.
Gefährliche Schüsse
Die Verletzung meines Partners war nicht so ernst, als dass er dringende Behandlung brauchte, also nahmen wir die Verfolgung auf. Unser Zodiac war stärker motorisiert als die Segeljacht und zum Segel setzen hatten die Diebe keine Zeit. Schnell kamen wir den Flüchtenden näher und bereits konnten wir den Namen der Jacht am Heck ablesen. Das Geräusch der heulenden Motoren wurde durch einen peitschenden Gewehrschuss durchbrochen. Nun wurde es für uns doch zu riskant, denn ein sicherer Treffer konnte unser Boot zum Sinken bringen, so drosselte ich schleunigst den Motor und wir liessen die „Marieventa“ ihren Fluchtweg weiter ziehen. Zurück auf der Basis benachrichtigten wir sofort die Küstenwache und schilderten das Verbrechen.
Erfolgreiche Verhaftung
Schon kurze Zeit später erhielten wir vom District – Officer den Bescheid, dass die Amphorendiebe verhaftet werden konnten. Diese wurden auf dem offenen Meer treibend mit Motorschaden aufgegriffen. Die Gauner hatten in der Eile der Flucht vergessen, das Seil, an dem ein gefülltes Netz mit den geraubten Gefässen hing, einzubringen. Das Tau wickelte sich bei der Fahrt um die Antriebsschraube und verursachte den Motorendefekt. Nach der Aussage der beiden Verhafteten konnte in der Türkei ein illegaler Antiquitätenschmugglerring zerschlagen werden. Die wertvollen Amphoren wurden ins Historische Museum nach Larnaka gebracht.
