Krimi


Das Schicksal der „Bluebell“
Mein Job als Tauchlehrer auf der Basis an der Costa Brava machte mir Spass und inzwischen kannte ich fast jeden Felsen an der Küste.
Wir waren auf der Rückfahrt zur Basis und durchquerten gerade die Passage zwischen der aufragenden Klippenwand und der aus dem Meer ragenden Felsnadel, als ich auf dem Echolot merkwürdige Schatten bemerkte. Ich drosselte den Motor und zog eine Schlaufe, um erneut die Passage zu durchfahren. Nun sah ich ganz deutlich die Umrisse eines gesunkenen Bootes das in 22 m Tiefe auf Grund lag. Ich wollte niemanden beunruhigen und fuhr weiter.
Grausamer Entdeckungstauchgang
Es war kurz vor der Dämmerung, als ich den Solotauchgang zur gesunkenen
„Bluebell“ unternahm. Die Spuren eines Brandes an Bord waren deutlich zu
erkennen und ein abgebrochener Enterhaken steckte in der Kombüse. Hier
musste etwas mysteriöses geschehen sein. Ich liess mich durch die zerborstene
Frontscheibe in den Führerstand der Jacht gleiten und trieb über die Treppe in den
Saloon. Hier herrschte ein gewaltiges Chaos und im fahlen Licht meiner Lampe
trieben mir Kleidungsstücke und andere Gegenstände entgegen. In der Ecke, über
der Bar trieb der Korpus des Sofas. Neugierig schob ich den treibenden Gegenstand zur Seite und erstarrte vor Schreck. Ich musste mich bemühen, meine Atmung und den rasanten Puls wieder zu beruhigen. Die gebrochenen Augen eines kreidebleichen Mannes starrten mich an. Sein Mund war weit aufgerissen und am Hals klaffte eine riesige Wunde. Die Finger seiner rechten Hand umklammerten eine Kordel, an dessen Ende ein Etui umher schwappte. Ich trennte die Kordel mit meinem Tauchmesser durch und steckte den Beutel, in meinen Tauchanzug.
Nun lies ich mich durch die Deckenluke zum Oberdeck treiben. Die Sonne war untergegangen und die Zeit drängte, um noch mehr Erkundigungen anzustellen. In der linken Bordwand klaffte ein Loch durch dieses wohl das Wasser eingedrungen war und die Jacht schnell zum sinken brachte. Ich umrundete das Wrack und entdeckte daneben eine zerborstene Pressluftflasche deren oberer Teil mit dem Hahnen fehlte. Die Flasche musste das Loch in die Bordwand geschlagen haben.
Ich hob die Flasche an und entdeckte im Inneren einen schwarzen Beutel. Ich steckte diesen in die Tarrierweste und lies mich nach oben treiben. Mein Finnimeter mahnte zum Abbruch des Tauchganges und ich beeilte mich, unentdeckt zur Basis zurück zu kehren.
Mysteriöser Fund
In der Werkstatt der Basis begutachtete ich die Fundstücke. Ich war noch immer sehr aufgeregt und die Spannung auf den Innhalt der Gegenstände drohte zu überschäumen. Als erstes interessierte mich das Etui des Toten. Dieses entpuppte sich als bedeutungslos, da sein Innhalt nur aus einer Packung Zigaretten, eines Streichholzbriefchens und kleinen Schlüssels bestand. Was war im schwarzen Plastikbeutel? Nach gründlichem Abtasten, beschloss ich den Beutel
aufzuschneiden. Zum Vorschein kam ein weissliches, geruchloses Pulver, welches mich an Puderzucker erinnerte. Handelte es sich hier um Heroin? Da ich noch nie mit Rauschgift in Kontakt gekommen war, konnte ich dieses Pulver nicht beurteilen, also packte ich es in ein leeres Konfitüreglas und versteckte es hinter der Werkbank.
Ich hatte eine schlaflose Nacht, versuchte die Vorkommnisse zu ordnen und nahm mir fest vor, am Morgen die Polizei zu benachrichtigen. Was wollte der Tote mit dem Etui? War der Schlüssel von einem Schliessfach? Ich nahm mir nochmals den Innhalt des Etuis vor. Das Streichholzbriefchen war durch das Wasser in Mitleidenschaft gezogen worden, doch konnte man seine Herkunft noch erkennen. Poisson Rouge Marseille, gab der Schriftzug zu lesen. Das Innere des Briefchens war verwaschen und ganz schwach gab es die Buchstaben „BAR BAS“ preis. Fehlte ein Buchstaben für den Namen Barabas? Genau, “Barabas“ war die Wurzel des Übels. Ich war mir klar, ich steckte in einem Verbrechen, das mit Mord und Drogenschmuggel zu tun hatte. Hier wurde Heroin unter dem Deckmantel des Tauchsports von Spanien nach Frankreich geschmuggelt. Die Sache wurde mir zu heiss und ich beschloss, bei Tagesanbruch zur Polizei zu gehen.
Gefährliche Taucher
Ich hatte verschlafen und die Tauchgäste waren bereits schon auf der Basis versammelt, um einen erneuten Tauchtag in Angriff zu nehmen. Gerade wollte ich mich für kurze Zeit abmelden, als ein grauer Peugeot mit französischem Kennzeichen auf den Vorplatz der Basis fuhr. Zwei dunkelhäutige Glatzköpfe entstiegen dem Gefährt und kamen zielstrebig auf mich zu. In gebrochenem Englisch machten sie mir klar, dass sie das Tauchboot mieten wollten. Ich erklärte ihnen, dies sei nicht möglich, da das Boot für die nächsten Tage ausgebucht sei. Der Grössere der beiden, ein Hüne von einem Mann, krächzte mir mit rauer Stimme Schimpfwörter entgegen und dabei fiel mir das Muschelband auf, welches seinen Hals umschlang. Daran hing ein Elfenbeinfarbenes „B“. B - wie Barabas! Das war meine Chance. Die Männer mussten mit dem Verbrechen zu tun haben.
Ich bot den beiden an, mit uns zum Tauchen hinaus zu fahren. Sie sprachen sich hektisch in afrikanischer Sprache ab und willigten schliesslich ein. Beide hatten keine Taucherfahrung, deshalb wollten sie es mit einem Schnuppertauchgang versuchen.
Wir fuhren Richtung Klippenwand, als die beiden heftig gestikulierten. Mir war klar worum es den beiden ging und ich durfte der Gäste wegen kein Risiko eingehen. Die Neulinge wussten wo das Wrack lag und deuteten mir, wo sie ihren ersten Tauchgang machen wollten. Ich willigte ein, mit dem Einwand, zuerst die routinierten Taucher ins Wasser zu lassen. Ich verpasste den beiden ihre Anzüge und als sie sich in die engen Gummihäute zwängten machte ich meinem Bootsjungen klar, dass er während meines Tauchganges mit den beiden schwarzen Bombern, die Küstenwache alarmieren sollte. Jose war dies recht, denn er hatte wegen den beiden schon vor dem Auslaufen ein mulmiges Gefühl.
Kampf um Lebnen und Tod
Fertig ausgerüstet sprangen die ungeduldigen Taucher ins Wasser und alle meine Anweisungen schlugen sie in den Wind, denn für sie war nur eines wichtig: Die Suche nach dem Wrack!
Der grössere der beiden erschien mir nicht als Tauchneuling, denn er beherrschte den Umgang mit der Tarrierweste bestens, also musste ich mich vor ihm in Acht nehmen. Ich widmete mich dem zweiten Mann und zog es vor, mit ihm dem Hünen zu folgen. Bis zum Wrack waren es fünfzig Meter, also hatte ich nur wenig Zeit, mich diesen Verbrechern anzunehmen. Ich sah meine Chance im Innern der „ Bluebell“. Allmählich zeichnete sich der Rumpf des Schiffes über dem Sandgrund ab. Nun konnte der vor uns tauchende Schwarze nichts mehr halten und er zog uns mit kräftigen Flossenschlägen davon. In diesem Moment erhielt ich einen Faustschlag in den Nacken verpasst. Glücklicherweise wurde der Schlag vom Hahnen meiner Tauchflasche gebremst und ich konnte herumwirbeln, den Angreifer am Jacket zu fassen kriegen und ihn aus dem Gleichgewicht bringen. Blitzschnell riss ich ihm den Lungenautomat aus dem Mund und drückte voll auf den Inflator seiner Veste. Rasant schoss der Angreifer aus der Tiefe empor und ich überliess ihn seinem Schicksal. Ich den Hünen aus den Augen verloren und näherte mich vorsichtig dem Wrack. Aus der Deckenluke perlten die Luftblasen des Tauchers empor, also musste er im innern des Bootes sein. Sachte verschloss ich die Luke. Der Gegner hatte mich ausgetrickst, eine auf dem Schiff liegende Pressluftflasche geöffnet und im Innern des Schiffes abblasen lassen. Denn gerade als ich die Luke verriegelt hatte, griff er mich an und versuchte mir den Automaten aus dem Mund zu reissen. Ich griff nach hinten und konnte mich an seinem Bleigurt festhalten. Ein wildes Gerangel entstand und ich konnte dem Verbrecher seinen zehn Kilo Bleigurt abreissen. Wie ein Kronkorken schoss der Glatzkopf der Wasseroberfläche entgegen. Nun war es nötig den Banditen nachzusteigen um eine Konfrontation mit Jose dem Boostsjungen zu vermeiden.
Erfolgreicher Verhaftung
Noch beim Auftauchen hörte ich Motorengeräusch und als ich den Meeresspiegel durchbrach, sah ich das Schnellboot der Küstenwache zu unserem Tauchboot beidrehen.
Fluchend wetterte der Hüne auf seinen mit dem Gesicht im Wasser treibenden Kumpanen ein. Dieser erlitt beim Aufschiessen einen Lungenriss. Die Polizei hatte nun das Geschehen im Griff.
So konnte das Verbrechen schliesslich aufgeklärt werden. Der Tote sollte das in der Tauchflasche versteckte Heroin nahe der spanisch/französischen Grenze in einer Unterwasserhöhle deponieren. Dafür war in einem Schliessfach am Bahnhof in Marseille einen Geldbetrag deponiert. Der Hüne jedoch wollte sich beides unter den Nagel reissen, ermordete den Heroinboten auf der „Bluebell“, steckte das Boot in Brand um die Spuren zu verwischen und schwamm ans Ufer. Durch die Explosion der Gasflasche in der Küche, viel die Pressluftflasche aus der Halterung, schlug auf dem Stahlanker auf und der Hahnen der Flasche wurde weggesprengt. Durch die Wucht der entweichenden Pressluft durchschlug die Stahlflasche die Bordwand und das Schiff sank bevor es ausbrennen konnte.
Die Polizei konnte alle wichtigen Beweismittel sicherstellen. Barabas wurde verhaftet, sein Kumpane verstarb noch auf dem Transport zum Hafen und einen Monat später konnte in Marseille einer der grössten Rauschgiftbanden das Handwerk gelegt werden.