Krimi


Schraubenklau

Kurzkrimi von Robi Wyss

Es War frühmorgens, als der dipl. Ing. Pietro de Marini die Türe zu seiner 18 Meter Jacht aufschloss.
Endlich abschalten und die folgenden 6 Tage auf See verbringen. Dazu bot die Küste der Costa Brava geradezu ideale Voraussetzungen. Die vielen kleinen verträumten Buchten, das glasklare Wasser, das Bilderbuchwetter und das aufs feinste ausgestattete Schiff liessen für die ersehnte Urlaubswoche zum erneuten Erlebnis werden.

Vor der Ausfahrt
Bereits hatten sich noch weitere Jachtbesitzer im kleinen Hafen eingefunden und alle waren damit beschäftigt, ihre Boote zum Auslaufen klar zu machen. De Merini trank seinen Kaffee aus, zog sich eine rote Windjacke über und stieg zur Flybridge hoch. Die frühmorgendliche Seebrise strich kühl durch seine Haare und gierig sog der Kapitän die frische Luft in seine Lungen. Nochmals kontrollierte Merini, ob auch alle Leinen los gemacht waren und startete den starken Motor. Kraftvoll und regelmässig stampften die Kolben des Diesels. Die Fahrt konnte losgehen und der Ingenieur legte sorgfältig den Rückwärtsgang ein.

Erschreckende Entdeckung
Sanft gab er Gas, doch das Schiff reagierte nicht, stattdessen ertönte ein ohrenbetäubendes Aufheulen de Motors. Sofort schaltete Merini wieder in den Leerlauf, drückt erneut das Getriebe auf Leistung und auch diesmal ertöte erneut das gleiche Motorengeheule. De Merini schaltete den Motor wieder aus und machte sein Schiff wieder fest. Er verstand die Welt nicht mehr. Am Schiff war letzte Woche noch eine Generalüberholung gemacht worden und man hatte ihm die volle Funktionstüchtigkeit des Schiffes zugesagt. Er öffnete die klappe zum Motorenraum, als vier Boxen weiter, das selbe Motorengeheul zu vernehmen war und auch da für Ratlosigkeit sorgte. Im Hafen kam Hektik auf, denn der gleiche Vorfall ereignete sich bei sieben weiteren Schiffen. der benachrichtigte Hafenmeister hatte so eine üble Ahnung, denn er hatte schon einmal die selben Laute vernommen, als eine Motorjacht den Propeller im Hafenbecken verloren hatte, doch diesmal waren es gerade acht betroffene Schiffe. der Ingenieur Merini hatte in Zwischenzeit seine Taucherausrüstung angezogen und sprang in das Hafenbecken. Die vielen kleinen Blasen trieben zur Wasseroberfläche und in seinem Sichtfeld kam das Übel zum Vorschein. Die Antriebswelle trug keine Schiffsschraube mehr. Die Überprüfung ergab, dass an allen acht Jachten die Propeller einfach abgesägt wurden. Diese waren jedoch nirgends zu finden, obwohl Merini den Grund des Hafenbeckens ausgiebig abgesucht hatte.

Erkanntes verbrechen
Der Vorfall war also nicht ein übler Zufall sondern ein Kapitalverbrechen, denn die entwendeten Schrauben waren von höchster Qualität und entsprechend wertvoll. Hier hatte jemand Schiffsschrauben im Wert von über 50'000 Euro gestohlen. Doch wie waren die schweren Dinger unbemerkt aus dem Hafen geschafft worden?
Das Patroullienboot der Küstenwache hatte gerade gewendet, um an der Hafenmole fest zu machen, als eine erneute Meldung über einen Schraubendiebstahl im einem weiter nördlich gelegenen Hafen gemeldet wurde. Wieder wurden 9 kostbare Propeller entwendet. das Polizeiboot startete durch und machte sich eiligst zum betroffenen Jachthafen. Der erste Offizier des Polizeibootes nahm den Funkspruch entgegen, welcher bestätigte, dass noch vier gleiche Vorfälle passiert waren und bereits vor zwei Jahren schon deren sechs bisher ungeklärte, ebenbürtige Verbrechen begangen wurden. alle diese Untaten geschahen an der Mittelmeerküste von Italien über Frankreich bis nach Spanien. Alle Orte des Geschehens waren kleinere ruhige Privathafengelände, wo nachts keinen Betrieb herrschte.

Nahender Sturm
Die Wetterverhältnisse änderten sich schneller als vorangekündigt und das zum Nachttauchen ausgefahrene Taucherboot musste zum Hafen zurückkehren. Unmittelbar bei der Hafeneinfahrt stand ein alter grosser Fischkutter. Der Kahn hatte starken Tiefgang und an Bord war niemanden zu sehen. Der Kapitän des Tauchbootes kannte weder das Schiff noch seine Besatzung und es kam ihm seltsam vor, dass der Trowler nicht den schützenden Hafen aufsuchte. Am Heck des Kutters war der arm des Netzkranes ausgefahren, was sehr aussergewöhnlich war, da im Hafenbereich das Fischen verboten war. Der Bootsführer des Taucherschiffes drosselte den Motor und lies sein Gefährt sanft in die Hafeneinfahrt gleiten. Der aufkommende Sturm liess den Nachthimmel gänzlich verdunkeln und das auf Sturmwarnung drehende Licht des Leuchtturmes tastete sich, wie mit gespenstischen Fingern, über die Gischt der anrollenden Wellen. Unmittelbar neben seinem Schiffsrumpf glaubte einer der Tauchgäste, ein schwarzes, grosses, rundes Etwas erkannt zu haben und meldete es dem Kapitän. Es tauchte nur kurz auf und verschwand danach wieder in den dunklen Fluten des Hafenbeckens. Suchte eventuell eine Delfinmutter mit ihrem Jungen den vom Sturm sicheren Bereich auf? Wohl kaum, denn dazu waren diese Tiere doch zu scheu. Der Kapitän konzentrierte sich auf das Ankern der Taucherjacht und vergass den Kutter und das schwarze Etwas. Die Crew hatte es gerade geschafft, die Tauchgäste samt Material vom Schiff zuschaffen, als es unter Begleitung von Blitz und Donner wie aus Kübeln zu regnen begann. Die starken Windböen peitschten die raue See gegen die Hafenmauer und liess gewaltige Wogen über das Steinwehr brechen. Der Kap presste sein Fernglas an die Augen und spähte zum nahen Hafen.
Das Tauchboot hob sich im bewegten Hafenwasser auf und nieder, doch es war fest verzurrt und es konnte weiter nichts passieren. Sein Blick glitt weiter zum Meer, wo er nach dem alten Kutter Ausschau hielt, doch dieses war nicht mehr zu entdecken. Das Schiff hatte wohl weiter südlich nach einem sicheren Ankeplatz gesucht.
Ein neuer Tag
Der Morgen war trübe und der Himmel noch voller Wolken verhangen. Alles war noch völlig durchnässt vom starken Sturmregen. Einzelne Sonnenstrahlen suchten sich den Weg durch die aufreissende Wolkendecke und das schöne Wetter erlangte langsam wieder Oberhand. Die Taucher machten es sich auf dem Sonnendeck gemütlich und mit leisem Tuckern fuhr das Taucherschiff aus dem Hafen zu den naheliegenden Felsklippen.
Der Tauchgang führte den Ankeseil entlang zum Grund und weiter zur Riffkante, wo eine attraktive Gorgonienwand in die Tiefe zog. In 32 Meter endete die Wand im leicht abfallenden Sandgrund.

Fund in der Tiefe
Die Taucher wollten gerade zum Auftauchen wenden, als sie ein lautes Grollen vernahmen. Vom offenen Meer her wälzte sich ihnen eine Staubwolke entgegen und die damit verbundene Druckwelle presste die Taucher an die Felswand. Die erfahrenen Sportler hatten die Situation gut im Griff und warteten, bis sich das Wasser wieder etwas aufklarte. Sie beschlossen nach der Ursache des Vorfalls, auf den Grund zu gehen. Nach kurzer Strecke dem Sandgrund entlang entdeckten sie ein Wrack. Es war der alte Fischkutter, welcher am Vorabend vor der Hafeneinfahrt ankerte. Dieser war wohl im gestrigen Sturm gesunken und gerade eben zu Seite gekippt. Gespenstisch war der Anblick, doch die Neugier war grösser als die Furcht und die Taucher untersuchten das Wrack.
Die Aufklärung
Wieder zurück auf dem Tauchschiff setzte der Kapitän einen Funkspruch an die Küstenwache ab und klärte damit einige Rätsel auf. Die Ladung des gesunkenen Schiffes enthielt die entwendeten Schiffsschrauben. Diese lagen nun in den Laderäumen des Wracks auf dem Meeresgrund. Am selben Morgen wurde einige Kilometer von der Fundstellen entfern ein völlig erschöpfter Mann aus dem Meer geborgen. Er war der einzige Überlebende der Mannschaft des Diebesschiffes. Sein späteres Geständnis löste den Fall Schiffschraube gänzlich auf. Jeweils acht Diebe tauchten gleichzeitig zu den teuren Schiffen, befestigten an den Propellern einen schwarzen Hebesack, sägten die Antriebswellen durch und transportierten das Diebesgut im Dunkel der Nacht zum Kutter, wo die Schrauben mit dem Kran eiligst an Deck gehievt wurden. Die teuren teile wurden dann in die Bretagne zu einem Ersatzteilhändler für Bootsbedarf geschmuggelt.
Die Raubgier rächte sich fatal. Das tobende Meer brachte das total überladenen Schmuggelschiff zum kentern und verschlang es mit Mann und Maus. Die Ladung wurde gehoben und die Jachtbesitzer konnten ihre entwendeten Schiffsschrauben zur Reparatur wieder in Empfang nehmen.